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Donnerstag, 7. Februar 2019

Verhaltenstherapie bei chronischem Tinnitus


Heute weiß man, dass Tinnitus eine Folge irregulärer Erregungen im Bereich der Hörbahn ist. Ausgelöst werden diese zwar im Innenohr durch kaputte Sinneszellen, bewusst werden sie aber erst bei einer Fehlfunktion der Hörverarbeitung im Kopf. Denn die entscheidet letztlich darüber, welche Geräusche verstärkt und welche unterdrückt werden. 

Bei akuten Hörverlusten, z.B. nach einem Knalltrauma, einem Hörsturz oder nach längerer Lärmeinwirkung, verstärkt die Hörverarbeitung daher die damit verbundenen Geräusche. Dasselbe passiert bei Stress oder Verspannungen in den Kiefergelenken, also z.B. bei CMD (craniomandibuläre Dysfunktion) oder Bruxismus oder bei Blockaden im Bereich der Nackenmuskulatur. Und da der Tinnitus selbst auch wieder Stress macht, entsteht häufig ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen selbst nur schwer wieder herausfinden.

Aber auch die innere Einstellung gegenüber dem Tinnitus entscheidet ganz wesentlich über den Leidensdruck, den die nervigen Ohrgeräusche auslösen. Will man nämlich den Tinnitus unbedingt „weghaben“, ärgert man sich über ihn oder lässt sich von ihm bestimmen, hält man ihn automatisch für wichtig und er wird immer lauter und lästiger. Denn die Hörverarbeitung hat einen ganz einfachen Job: Sie verstärkt wichtige und unterdrückt unwichtige Geräusche.

Wie aber soll ich ein Geräusch, dass ich nicht haben will und das mich nervt, nicht mehr wichtig nehmen? Das ist die Schwierigkeit bei jeder Tinnitustherapie. Ablenkung mit anderen Geräuschen und Entspannungsmaßnahmen können zwar die Lautstärke des Tinnitus reduzieren und helfen, den Teufelskreis aus Tinnitus und Stress zu durchbrechen, richtig nachhaltig besser wird er aber erst, wenn man ihn nicht mehr wichtig nennt. Die Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Akzeptanzentwicklung. Und diese Akzeptanz kann man lernen. Mithilfe einer kognitiven Verhaltenstherapie.

In den neuen europäischen Leitlinien zur Behandlung von chronischem Tinnitus ist die kognitive Verhaltenstherapie daher die einzige Behandlungsmethode, die eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit besitzt. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von hoher Evidenz. Lediglich die Hörgeräteanpassung bei Hörverlusten erzielt noch eine, wenn auch deutlich geringere, Evidenz. Alle anderen Tinnitusbehandlungen wie Tabletten, Infusionen, Noiser, Retraining-Therapien und akustischen Therapieverfahren wie tinnitracks bringen nachgewiesenermaßen keine Besserung! Auch die Deutsche Tinnitusliga und der Berufsverband der HNO-Ärzte empfehlen die kognitive Verhaltenstherapie als Behandlung der Wahl.

Warum aber wirkt eine kognitive Verhaltenstherapie so gut bei chronischem Tinnitus? Das liegt daran, dass letztlich unsere innere Einstellung oder Haltung darüber entscheidet, wie wichtig wir den Tinnitus nehmen und wie sehr wir entsprechend unter ihm leiden. Mit einer kognitiven Verhaltenstherapie lernt man, schädliche Haltungen, die den Tinnitus verstärken, zu erkennen und durch hilfreichere, die ihn unterdrücken, zu ersetzen. Schritt für Schritt kommt man so mehr zur Ruhe. 

Da Termine für eine Verhaltenstherapie allerdings nur schwer zu bekommen sind und die Therapeuten häufig nicht auf Tinnituspatienten eingestellt sind, haben HNO-Ärzte und Psychologen die Tinnitus-App Kalmeda entwickelt, die ein spezielles verhaltenstherapeutisches Übungsprogramm für Tinnituspatienten bietet. In dem Programm lernen sie, mehr Entspannung in den Alltag zu integrieren, Achtsamkeit gegenüber ihren eigenen Bedürfnissen zu entwickeln und den Tinnitus durch eine veränderte Einstellung zu bewältigen. Ergänzt wird die App durch Entspannungsübungen und geführte Meditationen, eine Wissensbibliothek und angenehme Hintergrund- und Naturgeräusche. Auch ein direkter Kontakt mit einem Therapeuten ist jederzeit möglich.

Die leitlinienbasierte Tinnitusbehandlung wird von der BIG direkt gesund als erster Krankenkasse im Rahmen eines Selektivvertrages mit dem HNOnet NRW erstattet. Informationen hierzu gibt es unter 

Einen Eindruck von der Therapie gibt das folgende kurze Video:


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