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Donnerstag, 30. Juli 2015

Tinnitusgedächtnis funktioniert wie Schmerzgedächtnis

Schmerzen oder Tinnitus? Beides kann sich chronisch fixieren!
Chronische Schmerzen können im Zentralnervensystem zur Ausbildung einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber dem auslösenden Schmerzreiz im Sinne einer fehlerhafte Verstärkung des Schmerzreizes führen. Da es sich letztlich um einen Lernprozess handelt, spricht man in diesem Zusammenhang auch von der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses. Und das ist beim Tinnitus genauso. Um diese Parallelität zu veranschaulichen und auch die Konsequenzen für eine effektive Therapie zu verdeutlichen wurde in einem Artikel des Deutschen Ärzteblattes über das Schmerzgedächtnis das Wort "Schmerzen" durch "Ohrgeräusche/Tinnitus" ersetzt ohne das damit die Richtigkeit der Aussagen beeinträchtigt würden (die ursprüngliche Fassung ist darunter noch einmal als Zitat wiedergegeben):

Tinnitusgedächtnis: Entstehung, Vermeidung und Löschung

Zusammenfassung
Chronische Ohrgeräusche können durch krankhafte Veränderungen der Signalverarbeitung im Nervensystem verursacht oder verstärkt werden. Unzureichend behandelte Ohrgeräusche können Spuren im Zentralnervensystem hinterlassen, die die Empfindlichkeit für Geräusche erhöhen und sich klinisch als Hyperakusis äußern. Offenbar können starke Ohrsgeräusche die synaptische Übertragung von akustischen Informationen vom peripheren auf das Zentralnervensystem anhaltend potenzieren. Die synaptischen Veränderungen sind denen im Hippocampus ähnlich, die beim Lernen und bei der Bildung eines kognitiven Gedächtnisses beteiligt sind. Im Bereich der Hörverarbeitung kann die Entstehung der synaptischen Langzeitpotenzierung durch akustische Ablenkung (...) verhindert werden. (...) Dagegen ist das Löschen des Tinnitusgedächtnisses pharmakologisch bislang nicht möglich. Oftmals können Gegenirritationsverfahren wie die Verstärkung von dem Tinnitus benachbarten Frequenzen die gesteigerte Empfindlichkeit (...) wieder normalisieren. Neue neurobiologische Konzepte über das Tinnitusgedächtnis bieten viel versprechende Ansätze zur Vermeidung und Behandlung chronischer Ohrgeräusche, z.B. die Notched-noise-Therapie.

Schmerzgedächtnis: Entstehung, Vermeidung und Löschung

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2725 / B-2340 / C-2172

Sandkühler, Jürgen

Zusammenfassung
Chronische Schmerzen können durch krankhafte Veränderungen der Signalverarbeitung im Nervensystem verursacht oder verstärkt werden. Unzureichend behandelte Schmerzen können Spuren im Zentralnervensystem hinterlassen, die die Empfindlichkeit für Schmerzreize erhöhen und sich klinisch als Hyperalgesie äußern. Offenbar können starke Schmerzreize die synaptische Übertragung von Schmerzinformationen vom peripheren auf das Zentralnervensystem anhaltend potenzieren. Die synaptischen Veränderungen sind denen im Hippocampus ähnlich, die beim Lernen und bei der Bildung eines kognitiven Gedächtnisses beteiligt sind. Im Rückenmark kann die Entstehung der synaptischen Langzeitpotenzierung durch Lokalanästhetika und Analgetika nicht jedoch durch eine Allgemeinnarkose verhindert werden. Eine ähnliche Schutzwirkung kann die körpereigene Schmerzabwehr entfalten. Dagegen ist das Löschen des Schmerzgedächtnisses pharmakologisch bislang nicht möglich. Oftmals können Gegenirritationsverfahren wie die transkutane elektrische Nervenstimulation oder die (Elektro-)Akupunktur die gesteigerte Empfindlichkeit des nozizeptiven Systems im Rückenmark zumindest zeitweise wieder normalisieren. Neue neurobiologische Konzepte über das Schmerzgedächtnis bieten viel versprechende Ansätze zur Vermeidung und Behandlung chronischer Schmerzen.

Weitere interessante Infos zum Thema finden Sie auch unter: www.mynoise.de

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